AMNOG

Und Schluss mit den Scheininnovationen!?

Die Bilanz des Berichts, den die Krankenkasse DAK im Februar vorstellte, fällt vernichtend aus. Untersucht wurde, inwieweit sich das Verordnungsverhalten aufgrund der Einführung der wissenschaftlichen Kosten-Nutzen-Analyse von Medikamenten geändert hat. Oder eben nicht. Denn zwar weisen 58 auf ihren therapeutischen Mehrwert hin überprüften Wirkstoffen, die inzwischen 2011 und 2013 neu auf den Markt gelangten, etwa die Hälfte keinerlei Zusatznutzen für die Patienten auf, trotzdem seien laut DAK-Bericht während der ersten vier Jahre seit Inkrafttreten des AMNOG auch solche Präparate weiterhin und sogar „häufig“ von Ärzten verschrieben worden. Gerade so, als ob die Informationen über die wissenschaftlichen Bewertungen völlig an ihnen vorüber gegangen wären.

Das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) wurde im Jahr 2010 von der schwarz-gelben Koalition mit der Verheßung verabschiedet, das Gesundheitssystem von den explodierenden Kosten entlasten zu wollen, welche durch die ungezügelte Preisgestaltung neuer Medikamente entstehen. Blieb es bis dahin allein dem Hersteller überlassen, den Preis für sein Arzneimittel festzulegen, haben die Gesetzlichen Krankenkassen seither die Möglichkeit, über den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) bei der Preisfindung mitzuwirken und Rabatte auszuhandeln. Grundlage sind die vom G-BA in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Nutzenbewertungen. Gleichwohl haben die GKV-Ausgaben für Arzneimittel fortwährend zugelegt: von 29,1 Mrd. € (in 2011) auf 30,3 Mrd. € (in 2013), mit einer erneuten Steigerung auf 31,4 Mrd. € (in 2014). Unverändert bleiben die sogenannten „innovativen“ Arzneimittel die größten Kostentreiber.

Kommentar von Rath international:

Das AMNOG mag grundsätzlich in die richtige Richtung gehen. Allerdings enthielt es von Anfang an gravierende Schlupflöcher, deren Zustandekommen kaum ohne die enge Kooperation zwischen der Pharmaindustrie und ihren diensteifrigen Erfüllungsgehilfen in der Politik zu denken ist. Eines davon: Innerhalb des ersten Jahres dürfen die Pharmaunternehmen nach wie vor jeden Einstiegspreis verlangen – und die Kassen müssen ihn erstatten -, egal ob es sich bei dem Präparat um eine Scheininnovation handelt. Eine rückwirkende Geltendmachung des ausgehandelten Preises ist dagegen nicht vorgesehen. Zudem wurde das Gesetz wohlweislich auf ab 2011 zugelassene Arzneimittel begrenzt. Bereits auf dem Markt befindliche Kostentreiber wurden infolge des massiven Drucks der Pharmaindustrie auf diese Weise von vernherein wirksam ausgeblendet. Von besonderer Bedeutung ist jedoch folgender Schwachpunkt, weil er eine vermeintlich auf Gesundheit abzielende Intention des Gesetzes klar in Frage stellt. Völlig außer acht bleiben nämlich nicht nur die Nebenwirkungen und Komplikationen, die mit der Anwendung der Medikamente einhergehen, sondern die Überprüfung auf Zusatznutzen bezieht sich ausschließlich auf eine jeweils herkömmliche Vergleichstherapie der pharmaorientierten, in der Regel symptombezogenen Medizin. Nachweislich effektive, newbenwirkungsfreie und erschwingliche (weil nicht patentfähig) Ansätze aus dem Bereich der Mikronährstoffforschung kommen somit gar nicht in Betracht. Insofern ist es doppelzüngig, wenn der DAK-Chef angesichts des beharrlichen Verschreibungsverhaltens der Ärzte einzig über deren mögliche „Informationsmängel“ spekuliert (und damit eigentlich eine unzureichende Bereitschaft vieler Ärzte zur ständigen Weiterbildung meint), ohne sich zugleich an die eigene Nase zu fassen. Sicherlich, bei einem nicht geringen Teil der Ärzteschaft ist der harte Vorwurf durchaus berechtigt, sie seien mehr oder weniger marketinggläubige Rezepteschreiber zum Wohle der spendierfreudigen Pharmaindustrie. Doch als alleiniges Erklärungsmuster für die Kluft zwischen den entlarvenden Ergebissen der unabhängigen Kosten-Nutzen-Bewertung auf der einen und dem kritiklosen Verordnungsverhalten auf der ärztlichen Seite ist dies zu wenig. Zweifellos ist es mindestens genauso unerlässlich, dass auch die Krankenkassen selbst endlich ihre Verantwortung wahrnehmen, durch die Erstattung tatsächlich ursachenorientierter Therapien zur Eindämmung von (Volks-)Krankheiten beizutragen, anstatt im Wesentlichen nur als Umverteilungsinstitute der abgeschöpften Versichertengelder aufzutreten.

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Kategorie(n): Allgemein

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